• MUSIK UND THEATER
  • SCHÄTZE AUF DER EMPORE
  • MUSIK AUS DER KISTE
  • VERBLICHENE TRADITIONEN
  • MUSIK ALS KOMMUNIKATION
  • SEPPS SEHNSUCHT
  • BAROCKE MODEN
  • INKULTURATION UND WEITERENTWICKLUNG
  • SONIDOS DE LA TIERRA
  • DIE MESSE GUARANÍ
  • MUSIK UND THEATER

    „Als wären sie geboren für die Musik“ (P. Anton Sepp)

    Musik war eine der Säulen in der Erziehung und Bekehrung der Indios. Jede Reduktion hatte ihren eigenen Chor und Musiklehrer, die Instrumente wie Harfe, Violine, Orgel, Horn, Trompete, Fagott und Rhythmusinstrumente beherrschten.

    Musik und Gesänge waren allgegenwärtig – bei den Messen, im Katechismus-Unterricht, während der Arbeit auf den Feldern, in den Häusern und während der Gebete. Guarnaì-Musik und -Musiker waren nicht nur in den größeren Städten Südamerikas berühmt, sondern auch in Europa.

    Auch das Theater war ein erzieherisches Werkzeug im sonntäglichen Katechismus, und die ganze Gemeinschaft spielte mit. In den meisten Reduktionen wurden an Sonn- und Feiertagen Theateraufführungen dargeboten.

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  • SCHÄTZE AUF DER EMPORE

    Im Zug der Restaurierungen berichtet der Architekt Hans Roth von erstaunlichen Entdeckungen:

    „Die wohl interessanteste Überraschung bot sich beim Aufräumen der Empore. P. Schmid was seines musikalischen Talentes wegen, wie wir aus seinen Briefen an die Angehörigen in Baar wissen, in die Chiquitosmission entsandt worden. Hier auf der Empore seines ersten Wirkungsfeldes stiessen wir auf den letzten und wohl bedeutendsten Nachlass von Pater Schmid. Von zwei Streichinstrumenten, von denen er Zeit seines Lebens wohl mehrere Dutzend angefertigt hatte, lagen noch die Knaufe herum. Ein grobgefertigtes Glockenspiel mit fast zwei Dutzend Metallglöcklein stand in einer Ecke. Zwei Harfen mit herrlich geschnitzten Pferdeköpfen warteten auf eine dringend notwendige Überholung. Die alte Orgel, sicherlich eigenhändig von P. Schmid gefertigt, war ein wüster Anblick. Ausser einigen Holzpfeifen, zwei Blasbälgen, Fusspedalen und der vollständig verrosteten Mechanik war nur mehr das Gehäuse zu sehen. Ein Einstecklöchern entsprechen müssen etliche Register von Zinnpfeifenvorhanden gewesen sein. Von ihnen fehlte jede Spur. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, war die Orgel noch bis zum letzten Krieg mit diesen Pfeifen bestückt gewesen. Man hat sie zumeist zum Löten verwendet. der letzte Rest wurde gutmeinden von einem sparsamen pastor in Santa Cruz zu Geld gemacht. Ausgerechnet im Lande, das als einer der grössten Zinnproduzenten der Welt gilt, mussten die barocken Zinnpfeifen einer Urwaldorgel dem Nutzdenken und menschlicher Ignoranz zum Opfer fallen. ..“

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  • MUSIK AUS DER KISTE

    „…Den wertvollsten Schatz bargen eine Holzkiste und eine grosse aus Kuhhaut gefertigte Schachtel. Neben etlichen alten, von Termiten arg mitgenommenen Jesuitenbüchern, enthüllte sich vor unseren Augen ein wirres Bündel von vielen hunderten handgeschriebener Noten. Es scheint ausser Zweifel, dass die neusten die Schriftzüge des Baarer Jesuitenpaters tragen. Wirr durcheinander vor Schmutz starrend und von Termiten zerfressen, zeigten sich geistliche Lieder, Motetten, Messen usw. in Latein, Spanisch und Chiquitano. Die wahrscheinlich von P. Schmid eigenständig komponierten Messen für sämtliche Stationen der Chiquitos Mission San Rafael, San Miguel, Santa Anna, San Ignacio, San Xavier usw. teilen sich auf in Blätter für die Sänger, Orgel, Bässe, Harfen, Geigen, Flöten usw. Es wird wohl ein spezielles Unternehmen werden, diesen kostbaren Schatz von einem Musiksachverständigen untersuchen zu lassen, um vielleicht einmal eine neue Edition nicht nur für den historisch Interessierten vorzunehmen, sondern um es dem geschichtlichen Erbe dieses Landstriches der Chiquitaner zu widmen, deren ehemalige Bekehrung zum Christentum nicht wenig durch die Musik zustande gekommen ist.“

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  • VERBLICHENE TRADITIONEN

    Die Wiederentdeckung der Manuskripte war nicht gänzlich unerwartet.

    Über zwei Jahrhunderte lang bewahrten die Indianer das Archiv vor der sicheren Zerstörung durch Klima, Insekten und Europäer. Allerdings nicht ohne Verluste: Nach der Vertreibung der Jesuiten wurden den Sammlungen und Stimmbüchern einerseits Werke unsystematisch hinzugefügt – aber auch durch indigene Kopisten ganze Sammlungen kopiert. In San Rafael etwa wurde diese Arbeit auch in den Generationen ohne Priester nie unterbrochen. Allerdings nimmt die Qualität der Kopien bis in in die 1880er und 1930er Jahre kontinuierlich ab. Es ist nicht zu übersehen, dass die Noten zwar hingebungsvoll, aber mitunter ohne Verständnis für ihre Bedeutung übertragen wurden.

    Ein Intellektueller aus Santa Cruz, Don Plácido Molin Barbery, wies 1958 als erster auf die Existenz dieses Archivs hin:

    „…die Partituren für alle Gesangs- und Orchesterstimmen, die einst von indianischen Kapellmeistern und Musikern kopiert wurden, werden von Ihren Nachkommen noch immer benutzt, mit rührender Ungenauigkeit, doch trotz liebevoller Bewahrung sind die einst blühenden Traditionen unwiederbringlich vergangen“

    1983 beginnt die Erforschung dieses musikalischen Erbes.

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  • MUSIK ALS KOMMUNIKATION

    Für P. Martin Schmid bedeutete die musikalische Betätigung einen wesentlichen Teil seines missionarischen Wirkens.

    Aus Córdoba brachte er die musikalischen Werke von Domenico Zipoli mit und aus Potosí eine zerlegte Orgel. Seine erste Aufgabe war der Aufbau von Musikschulen für Chor und Orchester. Die besten Schüler schickte er in andere Dörfer, wo sie weitere Musikschulen gründeten. In seinen Werkstätten wurden Orgeln und andere Musikinstrumente nachgebaut. Er stellte ein Repertoire für das gesamte Kirchenjahr zusammen und komponierte auch für den lokalen Gebrauch.

    „Das ich aber das glück gehabt in disse missiones geschicket zu werden, hatt nit wenig darzu geholffen, weillen ich die music versthe, und erkenne erst ietz, warumb die göttliche vorsichtigkeit geordnet, das ich in meiner jugend die music lehrnete, damit ich nemblich aus dissen Indianeren nit nur fromme und eyfferige christen, sondern auch musicanten machen solte, als welche bishero noch keine music nach der kunst oder auf die noten gesehen oder gehöret haben.“

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  • SEPPS SEHNSUCHT

    Anton Sepp war nicht nur ein leidenschaftlicher Missionar, sondern auch leidenschaftlicher Musiker. Sein Traum war eine Orgel. Allerdings war ein aus Europa importiertes Instrument kaum bezahlbar.

    In seiner Jugend hatte Sepp Orgelbau gelernt. Das führte zu einer pragmatischen Lösung: Gemeinsam mit den Nachbarreduktionen baute man eben selbst. Zwar reichte das Metall nicht für die dicken Baßpfeifen. Aber es gab Zedernholz, und auch das funktionierte. Es war die erste Orgel, die in Südamerika hergestellt wurde.

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  • BAROCKE MODEN

    Die Gründung der Jesuitenreduktionen Anfang des 17. Jahrhunderts fällt in eine Zeit des Umbruchs in Europa. In der Musik wird die mehrstimmige Vokalmusik der Renaissance abgelöst durch eine moderne neue Art des Musizierens. Die erweist sich als besonders anpassungsfähig und deshalb sehr geeignet für den Export.

    Das barocke Modell geht von einem Bass-Fundament aus, auf dem sich Akkorde aufbauen. Dabei können unterschiedliche Musiker adhoc zusammenwirken. Das Modell ist offen für variable und auch unterschiedlich grosse Besetzungen.

    Die Notation fixiert dabei meist nur das Nötigste. Von den Musikern wird Spontaneität und Improvisationskunst verlangt, um die einzelnen Stücke nach ihrem Empfinden zum Leben zu erwecken.

    Die Vorteile für eine pragmatische Auslegung in den Reduktionen liegen auf der Hand. Zumal die Missionare, inbesondere anfangs, mit grossen Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten konfrontiert waren. Die Musik übernahm hier die Rolle eines Kommunikationsmittels und Emotionsträgers.

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  • INKULTURATION UND WEITERENTWICKLUNG

    Selbstverständlich kam es auch musikalisch zu einer kulturellen Interaktion von importierten Modellen und indigener Musikalität.

    Eine strikt europäische Lesart war von den Missionaren weder intendiert noch wäre sie personell durchsetzbar gewesen. Überdies existierte ja auch in Europa keine einheitliche Musiziertradition – weder in der sakralen noch in der weltlichen Musik. Auch die europäische Musikpraxis war stark regional und lokal geprägt.

    Der Umstand, dass begabte indigene Musiker rasch ihr Wissen in Musikschulen weitergaben, musste zwangsläufig zu einer kulturellen Angleichung und Erweiterung der musikalischen Modelle führen. Es handelte sich dabei weniger um einen Verschmelzungsprozess, sondern vielmehr um einen Akt der Adaption.

    Einige Zeugnisse dafür sind bis heute in der Kunst und in der Architektur zu sehen. In einer der Missionen findet man zum Beispiel in der Kirche „Santisima Trinidad“ (Allerheiligste Dreifaligkeit) ein gut erhaltens Fries mit musizierenden Engeln, die Harfe, Violine und Trompete spielen, aber eben auch Klanghölzer und Maracas – Rumbakugeln – in den Händen halten.

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  • SONIDOS DE LA TIERRA

    2002 startete in Paraguay „Sonidos de la Tierra“ („Klänge der Erde“). Inspiriert wurde das Orchester durch die indigene Bevölkerungsgruppen und ihre Netzwerke, durch die Jesuiten-Reduktionen und durhc den Ansatz „Bildung durch Kunst“, in diesem Fall durch Musik. Ziel ist es, Familien, Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Ethnien über das Musizieren und den Gesang zusammenzubringen.

    In den vergnagenen 15 Jahren haben gut 18’000 Kinder und Jugendliche und mit ihnen auch ihre Familien an dem Projekt teilgenommen. Zudem sind mehr als 200 kostenfreie Musikschulen, Chöre, Jugendorchester und Folkloregruppen entstanden.

    Jesuiten Weltweit unterstützen "Sonidos de la Tierra".

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  • DIE MESSE GUARANÍ

    In Paraguay existiert eine tiefe religiöse Hingabe sowie eine starke Verehrung der kirchlichen Schutzheiligen, denen auch die traditionellen Fiestas des Landes gewidmet sind. Durch die Volksfrömmigkeit wurden die alten Gesänge aus den Zeiten der Jesuitensiedlungen bewahrt und über Generationen weitergegeben. Die Lieder werden bis heute in der lieblichen Sprache der Guaraní gesungen – eine Sprache, die während der Zeit der Reduktionen besonders geschützt war. Noch heute sprechen 90 Prozent der Einwohner Paraguays Guaraní, obwohl der Anteil der indigenen Bevölkerung bei nur vier Prozent liegt.

    In den 1970-er Jahren hat der Musiker Abdaón Irala und später dessen Sohn Casimiro Irala damit begonnen, die alten liturgischen Texte und Melodien der Guaraní zu sammen und neue zu kreieren. Daraus entstand en ist die „Misa Guaraní“, die nun schon seit Jahrzehnten von den Gemeinden in den vielen hundert Kirchen Paraguays angestimmt wird. Seit 2010 fördert P. Alberto Luna SJ das Konzept der „Misa Guaraní“ und sorgt für dessen Verbreitung.

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